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Virtueller Summenzähler: Die unterschätzte Komplexität hinter dem Hype

Der virtuelle Summenzähler gilt als moderne Mieterstrom-Lösung. Wir zeigen, warum die Umsetzung in der Praxis oft komplizierter ist als gedacht.

Camila Blajos Razuk

6 Minuten

Seit Mai 2023 gibt es ihn: den virtuellen Summenzähler. Mit dem „Gesetz zum Neustart der Digitalisierung der Energiewende“ wurde er dem klassischen physischen Summenzähler gesetzlich gleichgestellt – und seitdem gilt er in der Mieterstrom-Branche als die moderne, unkomplizierte Lösung. Kein Wandlerschrank, keine teuren Umbauten, alles digital: Klingt nach dem Befreiungsschlag, auf den viele Eigentümer:innen und Anbieter gewartet haben.

Auch wir bei Dach für Dach waren anfangs überzeugt. Und ehrlich gesagt: Wer online zum virtuellen Summenzähler recherchiert, findet kaum etwas anderes als nur Vorteile. Das Problem dabei? Ein Großteil dieser Begeisterung basiert auf Theorie, nicht auf Praxiserfahrung, und wir haben inzwischen gelernt, dass die Realität an einigen entscheidenden Stellen anders aussieht als das, was seit Jahren im Netz die Runde macht.

In diesem Artikel schauen wir uns an, warum der virtuelle Summenzähler so gehypt wurde, wo die Sache in der Praxis kompliziert wird, und in welchen Fällen er trotzdem die richtige Wahl sein kann.










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Warum der virtuelle Summenzähler so gehypt wurde

Der Hype um den virtuellen Summenzähler kommt nicht von irgendwo, auf dem Papier klingen die Argumente tatsächlich stark.






Kein Wandler nötig, egal wie groß das Gebäude

Ein physischer Summenzähler braucht bei höherer Last meist eine Wandlermessung mit eigenem Wandlerschrank, das kostet schnell 8.000 bis 10.000 € pro Netzanschluss, in kleineren Objekten oft ein Fünftel der Gesamtinvestition. Fällt das weg, wird Mieterstrom plötzlich auch in Häusern mit nur zwei oder drei Parteien wirtschaftlich interessant. Für viele Eigentümer:innen war das der Punkt, an dem sich ein Mieterstromprojekt überhaupt erst gerechnet hat.

Auch möglich, wenn kein Platz für einen physischen Zähler vorhanden ist

In vielen Bestandsgebäuden gibt’s im Zählerraum schlicht keinen Platz für einen zusätzlichen Summenzähler samt Wandlerschrank. Der vSZ umgeht dieses Problem komplett, weil nichts zusätzlich verbaut werden muss – für viele Objekte wurde das als der entscheidende Türöffner beworben.

Alles digital, kein Bauaufwand

Kein Platzbedarf für Wandlerschränke, keine baulichen Eingriffe im Zählerraum, das verspricht eine schnellere, unkompliziertere Umsetzung, gerade in Bestandsgebäuden, wo Bauarbeiten ohnehin ungern gesehen werden.

Einfacherer Mieterwechsel

Die Messlokations-ID bleibt erhalten, ein Ein- oder Ausstieg aus dem Mieterstrommodell soll ohne Zählertausch vor Ort funktionieren.

Genauere Zuordnung des Solarstroms statt fester Verteilschlüssel

Klassische Mieterstrom-Abrechnungsmodelle arbeiten teils mit festen Verteilschlüsseln, die nicht immer die tatsächliche Nutzung widerspiegeln. Der vSZ verspricht durch die viertelstündliche Einzelerfassung eine fairere, verbrauchsgenauere Zuordnun, auch für Mieter:innen, die z. B. tagsüber nicht zu Hause sind und trotzdem von günstigem Mieterstrom profitieren sollen.

Präzisere, "modernere" Daten

Während klassische Summenzähler oft nur den Jahresverbrauch erfassen, arbeitet der vSZ mit dieser viertelstündlichen Bilanzierung generell, das passt zum Smart-Meter-Rollout und wirkt zukunftsgerichteter.

Einfachere Skalierung auf mehrere Gebäude oder ganze Quartiere

Weil alles digital über Berechnungsformeln läuft statt über feste Hardware, lässt sich das Konzept angeblich unkompliziert auf zusätzliche Gebäude oder größere Liegenschaften ausweiten.

Weniger Aufwand auch beim Netzbetreiber selbst

Durch den digitalen Summenlastgang muss der VNB Nichtteilnehmer:innen nicht mehr manuell „herausrechnen“, was in der Außendarstellung oft als Argument für schnellere Bearbeitung und kürzere Wartezeiten verkauft wurde.

Gesetzlich abgesegnet

Seit 2023 ist der virtuelle Summenzähler im EnWG dem physischen gleichgestellt. Für viele war das die Bestätigung: Wenn der Gesetzgeber das so vorsieht, muss es die richtige Richtung sein.

Neun gute Argumente also, und genau deshalb hat sich die Begeisterung so schnell verbreitet. Blogs, Anbieter, Branchenmedien: Alle haben im Grunde dieselben Vorteile wiederholt, ohne dass zu dem Zeitpunkt viele Projekte tatsächlich im Bestand umgesetzt und ausgewertet waren. Auch wir haben uns davon anstecken lassen. Erst als wir selbst Projekte mit vSZ durchgerechnet und umgesetzt haben, wurde klar: Zwischen der Theorie und dem, was ein Bestandsgebäude tatsächlich mitbringt, liegt einiges.






Die Realität: Warum der virtuelle Summenzähler kompliziert wird

In der Theorie überzeugend, in der Umsetzung anders: Die Probleme lassen sich in drei Bereiche einteilen – Bürokratie, Technik und laufender Betrieb.








Die Realität: Warum der virtuelle Summenzähler kompliziert wird

Der vSZ setzt voraus, dass alle beteiligten Zähler zentral zugänglich sind. In den meisten Bestandsgebäuden sind sie aber dezentral auf den Etagen verteilt. Die notwendige Zentralisierung – komplette Neuverkabelung zu einem zentralen Punkt – kann je nach Gebäudegröße mehrere Zehntausend bis zu 100.000 € kosten, bevor überhaupt ein Zähler eingebaut ist.

Dazu kommt die Beantragung von MeLo und MaLo beim Verteilnetzbetreiber (VNB): Selbst bei vollständigen Unterlagen dauert die Vergabe oft ein halbes Jahr oder länger – und das liegt komplett außerhalb eurer Kontrolle, unabhängig von Anbieter oder Mieter:innen. Zwar besteht seit 2023 ein gesetzlicher Rechtsanspruch auf Umsetzung (§ 20 Abs. 1d EnWG), doch VNBs berufen sich in der Praxis häufig auf fehlende IT-Umsetzung oder „Unzumutbarkeit“, um die Umsetzung zu verzögern.

Nicht jeder grundzuständige Messstellenbetreiber (gMSB) bietet zudem die nötigen Messkonzepte an – dann bleibt nur der Umweg über einen wettbewerblichen MSB (wMSB), mit weiterem Abstimmungsaufwand.

In Summe: Statt weniger Wochen ziehen sich vSZ-Projekte oft über viele Monate, teils über ein Jahr, bis zur Inbetriebnahme. Das bestätigt sich auch branchenweit – Mieterstromanbieter und Energiegenossenschaften berichten öffentlich von denselben Verzögerungen und nicht genehmigten Messkonzepten. Ein strukturelles Problem, kein Einzelfall.








Technische Komplexität im laufenden Betrieb

Die Zentralisierung selbst ist auch technisch eine Hürde: Bei größeren Gebäuden müssen sämtliche Etagenzähler über neue Leitungswege zentral angebunden werden – kaum möglich ohne Beeinträchtigung der Mieter:innen. Und die Komplexität bleibt danach bestehen: Anders als beim physischen Summenzähler hängt die gesamte Summenbildung dauerhaft davon ab, dass jeder einzelne Unterzähler zuverlässig funkt. Fällt einer aus, ist die Berechnung für diesen Zeitraum unvollständig und muss nachträglich profilbasiert rekonstruiert werden.

Für die Gateway-Montage braucht es zudem speziell geschulte Monteure – ein zusätzlicher Engpass. Und selbst ohne „bauliche Zentralisierung“ im klassischen Sinn müssen ältere Zählerplätze oft trotzdem technisch nachgerüstet werden, um die Anforderungen für intelligente Messsysteme zu erfüllen.










Laufende Kosten und zusätzliche Prozesse

Die Zähler werden nicht einmalig gekauft, sondern laufend über den MSB gemietet – dauerhafte Kosten, die in der ersten Wirtschaftlichkeitsrechnung leicht unterschätzt werden. Ohne MSB geht beim vSZ zudem gar nichts, was eine Abhängigkeit von einem Drittdienstleister bedeutet, auf dessen Tempo ihr keinen Einfluss habt.

Der Lieferantenwechsel-Prozess wird komplexer, mit zusätzlichen Schritten gegenüber dem physischen Summenzähler. Und für die Reststromversorgung bieten bislang nur wenige Stromlieferanten passende Tarife für das vSZ-Modell an.











Die einfachere Alternative: der physische Summenzähler

Seit 2017 im Einsatz und in den meisten deutschen Mieterstromprojekten Standard: Der physische Summenzähler ist etabliert und entspricht genau dem, was Netzbetreiber und Messstellenbetreiber aus klassischen Anschluss- und Übergabemessungen ohnehin kennen. Was ihn in der Praxis einfacher macht:











Direkte Umsetzung ohne komplexe VNB-Abstimmung

Im Standardfall mit Überschusseinspeisung lässt sich der pSZ direkt umsetzen – ohne die langwierige MeLo/MaLo-Abstimmung, die beim vSZ nötig ist.

Deutlich mehr Kontrolle über den Zeitplan

Weil kein Messstellenbetreiber für die Unterzähler gebraucht wird, seid ihr nicht auf dessen Bearbeitungsgeschwindigkeit angewiesen – der Zeitplan liegt in eurer eigenen Hand.

Einmalige statt laufende Kosten

Die Unterzähler sind private Zähler, die einmalig gekauft werden und dem Kunden gehören – statt dauerhaft über einen MSB gemietet zu werden.

Keine technische Störanfälligkeit

Ein physisches Gerät misst kontinuierlich den tatsächlichen Verbrauch, ohne Abhängigkeit von der zuverlässigen Funkübertragung mehrerer Unterzähler. Kein Risiko durch ausgefallene Verbindungen, keine nachträgliche Datenrekonstruktion.

Keine Zentralisierung nötig

Statt alle Etagenzähler über neue Leitungswege zusammenzuführen, braucht es unter Umständen mehrere Gateways – deutlich weniger aufwendig als eine komplette Neuverkabelung.

Weniger Stakeholder, klarerer Prozess

Insgesamt sind weniger Parteien beteiligt, was die Abstimmung insgesamt vereinfacht und den Ablauf besser planbar macht.

Ein Punkt bleibt aber auch beim pSZ bestehen: Ein Wandler wird nach wie vor benötigt. Und wird später eine Wärmepumpe oder Wallbox nachgerüstet, kann das eine zusätzliche Wandlermessung nötig machen – anders als beim vSZ, der ohne feste Stromgrenzen auskommt.











Wann sich der virtuelle Summenzähler trotzdem lohnen kann

Unsere eigenen Projekte haben bisher fast durchgehend für den physischen Summenzähler gesprochen – das heißt aber nicht, dass der vSZ grundsätzlich die schlechtere Wahl ist. Es gibt Konstellationen, unter denen sich der zusätzliche Aufwand eher auszahlt:













Neubauten mit von Anfang an zentraler Verkabelung

Wenn die Elektroinstallation ohnehin von Grund auf neu geplant wird, entfällt der größte Kostentreiber – die nachträgliche Zentralisierung – komplett.













Kein Platz für einen physischen Summenzähler

In manchen Bestandsgebäuden fehlt schlicht der Raum für einen zusätzlichen Wandlerschrank. Hier macht der vSZ ein Mieterstromprojekt teilweise erst möglich.













Bereits vollständig mit intelligenten Messsystemen ausgestattete Objekte

Ist der iMSys-Rollout schon abgeschlossen, entfällt die größte Zeitabhängigkeit – die Umsetzung hängt dann nicht mehr vom Tempo eines Rollouts ab, den ihr nicht beeinflussen könnt.












Langfristig geplante Nachrüstungen

Ist absehbar, dass später Wärmepumpen oder Wallboxen hinzukommen, bleibt der vSZ stabil, weil er – anders als der pSZ – keine festen Stromgrenzen wie bei einer Wandlermessung kennt. Für Gebäude, die auf weitere Elektrifizierung ausgelegt sind, kann das langfristig der praktischere Weg sein.












Ein nachweislich kooperativer VNB in der Region

Gibt es bereits erfolgreich umgesetzte vSZ-Projekte beim zuständigen Netzbetreiber, sinkt das Verzögerungsrisiko erheblich – die größte Unsicherheit lässt sich dann vorab einschätzen.











Und mit Blick auf die Zukunft: Je weiter der Smart-Meter-Rollout voranschreitet und je mehr Erfahrung Netzbetreiber mit dem Modell sammeln, desto eher dürften sich die aktuellen Hürden von selbst auflösen. Der vSZ ist also nicht grundsätzlich die falsche Wahl – nur aktuell in vielen Bestandsgebäuden noch nicht die pragmatischste.












Fazit: Theorie und Praxis liegen (noch) auseinander

Der virtuelle Summenzähler klingt auf dem Papier nach der besseren Lösung – und wir haben diese Begeisterung selbst lange mitgetragen, gerade weil das Modell neu war und die genannten Vorteile so überzeugend wirkten. Fast alle gingen davon aus, dass sich der vSZ ohne größere Probleme umsetzen lässt. Die Realität sieht anders aus, und wir sind damit nicht allein: Branchenweit berichten Mieterstromanbieter und Netzbetreiber von denselben Verzögerungen und Hürden.

Wir haben durchaus einige vSZ-Projekte umgesetzt – der Aufwand dafür ist aber deutlich größer, die Umsetzung dauert spürbar länger, und es tauchen immer wieder neue Hürden auf. Unsere physischen Summenzähler-Projekte laufen dagegen in großer Zahl völlig unkompliziert, und wenn doch mal ein Problem auftaucht, lässt es sich meist schnell und unkompliziert lösen.

Das liegt auch daran, dass gerade alle noch lernen: Netzbetreiber, Messstellenbetreiber und Mieterstromanbieter gleichermaßen sammeln erst Erfahrung mit dem vSZ-Modell. Das wird sich mit der Zeit ändern – aktuell heißt es aber: Wer auf Nummer sicher gehen und ein Projekt planbar umsetzen will, fährt mit dem physischen Summenzähler in den meisten Bestandsgebäuden noch besser.














FAQ – Häufige Fragen rund um den virtuellen Summenzähler

Geschrieben von

Camila Blajos Razuk

Redaktion Dach für Dach

FAQ

Häufige Fragen

Was ist Mieterstrom?

Beim Mieterstrom wird Solarstrom vom Dach eines Mehrfamilienhauses direkt an die Mieterinnen und Mieter im selben Gebäude verkauft, ohne den Umweg über das öffentliche Stromnetz. Reicht der Solarstrom nicht aus, wird automatisch Strom aus dem Netz nachgeliefert. Die Stromversorgung ist also jederzeit gesichert.

Wie verläuft der Prozess mit Dach für Dach?

Zum Start berechnen wir das Renditepotenzial Ihrer Immobilie und legen gemeinsam einen Zeitplan fest. Danach informieren Sie als Vermieter die Mietparteien, dafür stellen wir Informationsmaterial bereit und unterstützen auf Wunsch bei der Mieterkommunikation. Anschließend installiert ein Fachbetrieb die Anlage, bei der Auswahl helfen wir gerne.

Wie überzeuge ich meine Mieter?

Mieter profitieren von niedrigeren Strompreisen, weil sie Netzentgelte sparen und günstigen Solarstrom vom eigenen Dach nutzen. Ihre Stromkosten sinken um bis zu 30 %. Außerdem werden sie unabhängiger vom Strommarkt. Dach für Dach unterstützt Sie mit Informationsmaterial und auf Wunsch aktiv im Gespräch mit Ihren Mietparteien.

Was passiert bei einem Mieterwechsel?

Sobald eine Mietpartei auszieht, endet automatisch ihre Teilnahme am Mieterstrom. Neue Mieter können dem Modell beitreten. Wir empfehlen, neue Mieter frühzeitig über die Möglichkeit der Versorgung durch die Solaranlage des Hauses zu informieren, damit sie ab dem Einzug versorgt werden können.

Wer kümmert sich um Planung und Installation der Solaranlage?

Sie wählen selbst den Fachbetrieb aus, der die Anlage plant und installiert. Dach für Dach unterstützt bei der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung verschiedener Anlagengrößen und bringt Sie auf Wunsch mit einem unserer Partnerbetriebe zusammen.

Wie läuft der Betrieb der Solaranlage?

Im Betrieb unterstützen Sie unser Team und die Dach-für-Dach-Software. Sie liefert aktuelle Verbrauchs- und Erzeugungsdaten der einzelnen Wohneinheiten und übernimmt die Abrechnung der Stromkosten. Die Wartung der Anlage übernimmt der Fachpartner, der sie installiert hat.

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